Die Qual mit der Akku-Reichweite

“Wie weit kann ich mit dem Akku fahren?”

Diese Frage war auch in ähnlicher Formulierung meine Frage, als ich mir im Januar 2020 mein erstes Pedelec kaufen wollte. Der Händler schluckte kurz und meinte, dass 90 km wohl drin sein müssten. Seinerzeit war ich in Sachen Pedelec ein wahres Greenhorn. Heute ist mir klar, dass der Händler meine Frage gar nicht beantworten konnte. Wie sollt er wissen, mit welchem Fahrstil ich aufwarten würde.

Nach 17 Monaten, in denen ich nahezu ausschließlich mit dem Pedelec unterwegs war, bin ich zwar kein Meister, aber ich habe gelernt, wie ich mit dem Pedelec fahren muss, um die Reichweite des Akkus über 90 km zu bringen.

Zu Beginn meiner Fahrerei, so muss ich es nennen, war es so, dass ich kaum die Gangschaltung genutzt habe. Ich war das so vom Tourenrad gewohnt, denn mit dem Tourenrad habe ich nur 3 Gänge genutzt. Einen Gang für einen Anstieg, einen Gang für guten Rückenwind, einen Gang für den Dauerbetrieb. Und so habe ich mich lange Zeit auch auf dem Pedelec bewegt.

Mittlerweile schalte ich viel und auch zu bestimmten Zeitpunkten. Sobald ich an eine Kreuzung oder Ampel komme, schalte ich vom Normalbetriebsmodus (oftmals 4.Gang) zwei Gänge nach unten. Sobald ich anfahre, muss weder ich noch der Motor viel Kraft und Energie aufwenden, um das Rad in Bewegung zu setzen. Das alleine ist für den Akku schon von Vorteil. Sobald ich dann wieder auf Touren bin, schalte ich nach und nach in den Gang hoch, den ich meine fahren zu müssen. Der variiert immer zwischen dem 4. und dem 6. Gang.

Die Gänge 5 und 6 nutze ich aber fast nur noch bei Bergabfahrten und bei gutem Rückenwind. Mein Hauptgang ist der 4. Gang, denn ich bin ein Schnellpedalist. Das bedeutet, dass ich lieber oft trete und das langsame und kraftvolle treten vermeide. Der Grund dafür ist, dass mir das zu anstrengend ist und ich damit weder einen Trainingseffekt erziele noch Spaß an der Sache habe. Wenn ich schnell trete, dann bringt das Kondition und Ausdauer – und Reichweite jenseits der 100 km. Auch wird die Technik geschont. Der Motor muss nicht so stark unterstützen, damit wird sehr viel Akku-Leistung gespart, und die Ritzel und die Kette leiden auch nicht so unter dem Druck. Den Druck spürt man durch die Motorunterstützung gar nicht mehr.

Ich sehe auf meinen Touren sehr viele Menschen, die mit Pedelecs unterwegs sind und langsam treten, dabei aber recht flott sind. Demnach kann ich unterstellen, dass sie einen “dicken” Gang eingelegt haben und somit viel Akku-Leistung abrufen. An Kreuzungen oder Ampeln sehe ich diese Menschen nie schalten, aber gequält die Fahrt wieder aufnehmen.

Das, was ich oben erzählt habe, musste ich auch erst lernen und teils recherchieren. Ein Akku hat im vergangenen Jahr max. für 70 km gereicht. Immer Gang 5 eingelegt, nicht geschaltet und oftmals im Tour-Modus (Stufe 2 von 4) die  Strecken zurückgelegt. Was für ein Blödsinn! Genau deswegen hatte ich mir ganz schnell einen zweiten Akku besorgt, damit ich wieder Touren von 100 km oder mehr machen konnte. Ich wollte wieder den ganzen  Tag unterwegs sein. Auch wenn der 5. Gang eingelegt war, habe ich schnell pedaliert (zwischen 70 und 80 Umdrehung). Meist lag damit die Geschwindigkeit über 25 oder knapp darunter. Der Akku musste also viel Energie zum Motor bringen. Und meine Beine haben lange Strecken kaum durchhalten können. Alles verkehrt gemacht, was man verkehrt machen kann.

Das schnelle Vorankommen auf meinen Radtouren ist mir nicht (mehr) wichtig. Das war es noch nie, aber mit dem Pedelec und seinen Möglichkeiten hat sich meine Reisegeschwindigkeit um ca. 5 km/h erhöht. Lag sie früher zwischen 15 und 18 km/h im Durchschnitt, so liegt sie heute zwischen 19 und 25 km/h.

Am 07.06.2021 habe ich eine Radtour von 52 km gemacht. Natürlich alles im Flachland. Das muss der geneigte Leser wissen. Berge und langgezogene Anstiege gibt es hier so gut wie gar nicht (Süchtelner Höhen sind weit weg). Und ich würde sie auch wohl meiden. Mag ich einfach nicht. Den Akku hatte ich nach der Rückkehr nicht aufgeladen.

Am heutigen 08.06.2021 habe ich wieder eine Radtour gemacht. Diese führte mich über 82 km bis Rommerskirchen (und wieder zurück). Bei Kilometer 60 hatte ich noch eine Restreichweite von 16 km im Akku. Da ich die Akkus nicht mehr vollkommen leer fahre, habe ich dann den Akku gewechselt. Demnach bin ich 112 km mit einen Akku gefahren und muss dazu sagen, dass ich permanent im Eco-Modus war. Auf anderen Touren habe ich oftmals auch keine Unterstützung vom Akku, aber gestern und heute habe ich darauf verzichtet, um eben dieses Ergebnis der Reichweite dokumentieren zu können.

Wenn man nun unterstellt, dass die Restreichweite stimmt, dann hätte ich eine Tour von sage und schreibe 128 km mit einem Akku im Eco-Modus fahren können (400-Watt-Akku).

Ich habe das so ähnlich schon mal geschafft, aber bei dieser Tour hatte ich sehr gute Windunterstützung und konnte lange Passagen ohne Motorunterstützung zurücklegen. Jetzt aber war permanent der Eco-Modus geschaltet. Allein die Änderung meiner Fahrweise, die für Radtouren mit großer Entfernung wohl gut geeignet ist, hat mir nahezu ein Drittel mehr Reichweite mit einem Akku beschert. Toll. Demnach könnte ich mit zwei Akkus wohl irgendwann eine Entfernung von 200 km zurücklegen, sollte ich auf eine solche Idee kommen. Und das ist nicht so unwahrscheinlich, denn bis zur Küste in den Niederlanden (Oude Tonge) sind es etwas mehr als 200 km.

Das ist aber Wunschdenken und derzeit nicht in Planung. Ich habe andere Pläne und die sollen mich wieder zu einem Tourenradler werden lassen.

Also liebe Leute. Wenn Euer Akku am Pedelec nach 50 km die Grätsche macht, dann denkt bitte mal über Euer Fahrverhalten nach. Hierin steckt wohl dann die Lösung.

Meine Maßnahmen zur Erhöhung der Akku-Reichweite als Stichworte:

  • Akku nicht mehr leer fahren
  • Pedalieren mit 70 bis 80 Umdrehungen pro Minute
  • Schalten in kleinere Gänge zum späteren Anfahren
  • Geschwindigkeit unter 25 km/h halten (schon die Technik), wenn ebene Strecke
  • Motorunterstützung abschalten, wenn Rückenwind und/oder Bergabfahrt
  • Luftdruck im Reifen auf etwas mehr als 2/3 Maximaldruck halten (gilt für Touren-/Trekkingräder auf normalen Strecken)

Meine Reichweite könnte ich nochmals etwas erhöhen, wenn ich an Gewicht spare. Ich habe immer viel Gepäck dabei. Auch wenn ich nur auf Tagestouren gehe, nehme ich ausreichend Flüssigkeit mit, den zweiten Akku, Werkzeug und Essen. Meine Zuladung, incl. Lenkertasche mit Kamera und ähnlichem, dürfte bei 10 kg liegen. Das ist viel, aber ich werde auf diese Sache nicht verzichten.


Sobald ich wieder ins Büro und mein Home-Office verlassen muss, wird mein Pedelec wieder zum Pendlergefährt. Hier werde nicht mehr auf die Akkuleistung achten. Anders als zu Beginn meiner Radpendlerkarriere würde ich zumindest morgens wohl auf die höchste Stufe gehen, die ich noch nie genutzt habe, um eben nicht so verschwitzt im Büro ankommen zu müssen. Nach Feierabend ist das dann auch wieder egal.

Ich hoffe aber, dass ich noch lange Zeit Home-Office arbeiten kann. Das spart Gesundheit sowie Zeit und bringt einiges mehr an Lebensqualität. So ist zumindest meine Meinung, die nichts mit den Corona-Maßnahmen zu tun hat. Schon Anfang der 2000-er hatte ich meinen Arbeitgeber auf einen Home-Office-Arbeitsplatz angesprochen und eine Absage ohne Begründung erhalten. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen